George Sluizers Film SPOORLOOS (1988) handelt von dem jungen Paar Saskia und Rex, die von Amsterdam nach Frankreich unterwegs sind, um dort gemeinsam Urlaub zu machen. Bei einer Panne kommt es zum Streit zwischen den beiden. Rex lässt die in Panik geratene Sakia in einem dunklen Tunnel allein, um Benzin zu holen. Als er zurückkommt, findet er sie zitternd und verärgert am gegenüberliegenden Ausgang wieder. Die beiden versöhnen sich, als sie an einer Raststätte Halt machen. Dort verspricht Rex seiner Freundin in einer naiv-romantischen Geste, sie niemals zu verlassen. Nachdem Saskia die Tankstelle betreten hat, um Getränke für die Weiterfahrt zu kaufen, verschwindet sie spurlos. Der Rest des Films wird erstens davon handeln, wie Rex verzweifelt versucht, das Schicksal seiner Freundin aufzuklären, wodurch er mehrere Beziehungen zu anderen Frauen zerstört. Zweitens sehen wir in Rückblenden, wie der französische Chemielehrer Raymond Lemorne die Entführung einer Frau in seinem Auto vorbereitet. Somit ist schnell klar, wer hinter Saskias Verschwinden steckt, aber nicht, was ihr genau passiert ist. Der Film endet damit, dass sich Lemorne Rex offenbart und mit diesem an den Tatort zurückfährt. Dort macht er ihm einen teuflischen Vorschlag: Wenn er sich betäuben lasse, werde er das Gleiche durchleben, was Saskia zugestoßen sei. In Erinnerung an seinen Liebesschwur geht Rex auf das Angebot ein. Als er aus der Ohnmacht erwacht, findet er sich einem Sarg wieder, der von Lemorne gerade mit Erde zugedeckt wird. Seine letzten Gedanken gelten Saskia, mit der er nun im Tod vereinigt ist. Als Endbild sehen wir die versteckten Gräber der Liebenden in Lemornes Garten sowie einen Zeitungsartikel, der sich ihrem Verschwinden widmet.

Drama heißt: Zuspitzung

Wenn wir uns die seelischen Konflikte bewusst machen, die SPOORLOOS vorantreiben, wird deutlich, dass wir im Grunde einem zweispurigen Beziehungsdrama folgen, denn der Film handelt erstens von dem Umgang mit Verlust sowie der damit verbundenen Notwendigkeit, sich aus alten Bindungen zu lösen, um neue Partner zu finden. Zweitens geht es um eine extreme Form der Verführung, welche in Überwältigung umschlägt. Die literarische Vorlage Tim Krabbés und Sluizers Adaption zeigen uns aber nicht eine konventionelle Beziehungsstudie, sondern sie kleiden ihr Thema in das Gewand eines Kriminal-Thrillers. Dadurch erhalten die dargestellten Konflikte existenzielle Ausmaße. Hier erkennen wir einen Grundzug fiktionaler Dramaturgie wieder: Filme überzeichnen menschliches Leben und Erleben, damit sie im Zuschauer ausreichende Einfühlungsreaktionen bewirken. Werden wir in der Realität Zeugen eines Verkehrsunfalls, löst es bereits starke Affekte in uns aus, wenn wir lediglich im Vorbeifahren einen schwerverletzen Menschen auf der Straße liegen sehen. Erleben wir die gleiche Situation im Kino, haben wir hingegen eine emotionale Distanz zum Gesehenen. Deshalb wies mein Lehrer Slawomir Idziak uns Filmstudenten darauf hin, dass wir dramatische Situationen durch die Inszenierung und die Kameraeinstellungen zuspitzen müssen. Diesem Prinzip folgt auch SPOORLOOS: Eine unglückliche Lovestory wird dadurch zur Tragödie, dass sich die Trennung in ein unerklärliches Verschwinden des Liebesobjekts und der Liebeskummer in eine tödliche Obssession verwandeln.

Der Thriller als Beziehungsstudie

Im Folgenden wollen wir das Psychodrama hinter dem Krimi-Plot genauer beleuchten, um die unbewusste Wirkung des Films zu erfassen. Durch die beiden Handlungsstränge – die Geschichte von Rex und die Geschichte von Lemorne – werden wir mit der Dynamik zweier Seinsbereiche des Seelischen konfrontiert: Dem Kontakttrieb beziehungsweise der Sexualität. Lemornes Handlungen sind von dem Konflikt zwischen Aktivität und Dominanz auf der einen sowie Passivität und Unterwürfigkeit auf der anderen Seite geprägt. Während er im Kreis seiner Familie zum Haustiger erniedrigt wird, entwickelt er sich insgeheim zur Bestie, die auf Beutezug geht. Auch wenn er Rex gegenüber empört zurückweist, ein Vergewaltiger zu sein, ist er dennoch ein Lustmörder, der sein sexuelles Bedürfnis nach Bestimmen und Überwältigen zu Gewalt und Mord steigert.

Rex befindet sich hingegen in dem Dilemma, ob er an dem alten Liebesobjekt festhalten oder sich stattdessen von ihm lösen und einer neuen Partnerin zuwenden soll. Bei der endlosen Suche nach Saskia drehen sich Rex‘ Bewegungen ständig im Kreis um eine Leerstelle. Statt Abschied zu nehmen und die Trauer zuzulassen, hat er die verlorengegange äußere Bindung in sich aufgenommen, und versucht permanent, sie auch in der Realität wiederherzustellen. Geht es in Lemornes Fall um Sadismus, haben wir es bei Rex mit der Depression zu tun. Beide Figuren sind Suchende und weisen in ihrer jeweiligen Besessenheit monströse Merkmale auf. Der Eine will ein Objekt zur Befriedigung seines Aggressionsbedürfnisses finden. Der Andere ver-sucht ein Liebesobjekt wiederherzustellen.

SPOORLOOS entfaltet seine Wirkung also dadurch, dass der Film zwei sich ergänzende Seinsbereiche des Seelischen entkoppelt und auf unterschiedliche Figuren überträgt. Eine positive Entwicklung würde bedingen, dass sie voneinander lernen, den Mangel im anderen ausfüllen. Die Tragödie in SPOORLOOS erwächst daraus, dass Rex und Lemorne ihre negativen Persönlichkeitsaspekte aber ungebremst durchdrehen lassen.

 

George Sluizer Spoorloos (1988): Depression

Abbildung 1: Depression

 

Motion und Emotion

Die innere Bewegtheit der Figuren, das depressive Kreisen und die aggressive Beutesuche, werden im Buch und der Verfilmung durch äußere Bewegungen deutlich gemacht. Die Geschichte beginnt bereits auf der Autobahn und zeigt uns eine Reise, welche niemals ihren Zielort erreichen wird. Als das Paar in den Tunnel hineinfährt, erinnert sich Saskia an einen Alptraum, wo sie, in einem goldenen Ei gefangen, durch das Universum schwebt. »Diese Einsamkeit ist grauenhaft«, so beschreibt sie den Eindruck der Traumbilder. Der einzige Ausweg ist die Vereinigung mit einem anderen, weit entfernten Ei. Erst später werden wir verstehen, dass Saskias Traum die Gefahren ihrer Bindung mit Rex aufdeckt. Denn dieser ist nicht in der Lage, sich ausreichend allein zu machen, Freiheit in der Gebundenheit zu leben. Im Sinn des Traums handelt er demnach folgerichtig, wenn er seine Freundin zurücklässt, obwohl diese ihn geradezu anfleht, auf sie zu warten. Wir werden aber auch auf einen problematischen Aspekt seiner Persönlichkeit aufmerksam gemacht: Während Saskia ängstlich nach ihm ruft, geht Rex grinsend davon. In dieser Situation offenbart er seine sadistische Seite, die Lermornes Charakter ähnelt. Kurze Zeit später versucht er, sein Verhalten mit dem naiven Schwur ewiger Treue wiedergutzumachen. Mit anderen Worten: Er fällt zurück in die Idee der Verschmelzung. Während wir also am Anfang damit konfrontiert werden, was Rex lernen muss, wo sein Entwicklungspotenzial liegt, zeigt uns der Rest des Films, wie er sich immer tiefer in sein Dilemma, oder dramaturgisch gesprochen: in seinen Tragic Flaw, verstrickt. Deshalb endet der Film konsequenterweise als Tragödie. Rex‘ Aktivität sowie die Fähigkeit, Stellung zu beziehen, sich angemessen zu distanzieren, werden zum rastlosen Suchen, zum Klebenbleiben am alten Objekt. Oder als Bewegung ausgedrückt: Geradlinigkeit verwandelt sich zunächst in atemloses Kreisen und dann in Erstarrung.

Lemornes Geschichte ist mit einem anderen Bewegungsmotiv verbunden. Wenn er die Entführung minutiös plant, dabei Selbstversuche mit einem Betäubungsmittel vornimmt, akribisch seinen Puls misst, die Zeit mitstoppt, als er die Ansprache der Opfer übt, und sogar die eigene Tochter als Studienobjekt dafür benutzt, wie er eine Frau im Auto überwältigen kann, dann zeigt er sich mindestens genauso verrückt wie Rex. Während dessen Verhalten als Kreisbewegung beschrieben werden kann, erscheint Lemornes Vor-Gehen geradlinig, auch wenn es zutiefst abwegig ist. Handelt Rex als Getriebener, der ständig am Rande des Nervenzusammenbruchs entlangwandert, sehen wir Lemorne als Jäger, der kühl kalkulierend, abwartend und beobachtend ist.

Der letzte Abschnitt des Films, wenn beide Handlungsstränge zusammenlaufen, hat den Charakter eines Duells. Bei ihrer Autofahrt in die Vergangenheit ringen die Figuren um Dominanz. Zunächst scheint Rex, die Oberhand zu gewinnen, als er auf Lemorne einprügelt, um seiner jahrelangen Frustration Luft zu machen. Doch dies ist erst der Auftakt zu einem Spiel um Bestimmen und Bestimmt-Werden. Auch wenn sie ihren Kampf mit Worten austragen, bewegen sich nun beide Kontrahenten auf dem Feld der Aggression. Indem Lemorne Rex verspricht, Saskias Verschwinden aufzuklären, nährt er erneut dessen problematische Seite und lockt ihn so in die Falle. Es kommt also, inszenatorisch gesprochen, schnell wieder zu einem erneuten Statuswechsel zwischen den Figuren, und die Tragödie steuert auf ihr Ende zu. Das kurze Aufflackern von Rex‘ Distanzierungsfähigkeit verlischt wie die Flamme seines Feuerzeugs. Das ist die bittere Realität, die in Saskias Traum ausgeklammert blieb: Die völlige Verschmelzung, das Einswerden mit dem Partner, bedeutet das Ende jeder Entwicklungsfähigkeit. Das goldene Ei wird zum Sarg. Doch diese Erkenntnis, welche sich in dem verzweifelten Schrei »Ich bin Rex Hoffmann« ausdrückt, kommt zu spät.

 

George Sluizer Spoorloos (1988): Sadismus

Abbildung 2: Sadismus

 

High-concept und Tiefenwirkung

George Sluizer gelingt etwas Vergleichbares, wie es Alfonso Cuarón 25 Jahre später in GRAVITY zeigt. Auch dieser Film erzählt von dem Umgang mit Verlust und stellt die Hauptfigur vor die Entscheidung, entweder am alten Objekt festzuklammern und sich dadurch permanent im Kreis zu drehen oder aber loszulassen und sich auf die Suche zu begeben. Während SPOORLOOS den Rahmen des Krimi-Thrillers wählt, um diesem Dilemma Dringlichkeit und Beschleunigung zu verleihen, macht Cuarón das Setting im wahrsten Sinn des Wortes »universal«. Das Problem von Bindung und Loslösung erhält hier durch die Bilder von Schwerkraft und Schwerelosigkeit im Weltraum eine »überlebensgroße« Dimension. Indem beide Filme ein High-concept verwenden, das die seelischen Konflikte symbolisch überhöht, geben sie ihnen eine Sogwirkung und Tiefe, welche in konventionellen Beziehungsdramen unter der Oberfläche bleiben.

 

Filme

Gravity. Alfonso Cuarón. US, UK 2013

Spoorloos. George Sluizer. NL, FR 1988

Abbildungen

Titelbild, Abb. 1 + 2
Filmstills aus:
Spoorloos. George Sluizer. NL, FR 1988